Vision: Die Industrie im Jahr 2035

Klimaneutral, konkurrenzfähig und im Kreislauf

Wagen wir gemeinsam einen Blick in die Zukunft der klimaneutralen Industrie: 2035 ist in Deutschland gelungen, was noch vor 15 Jahren kaum jemand für möglich hielt: Die Industrie mit ihren CO2-Schwergewichten Stahl, Zement und Chemie, mit rund 250 000 Unternehmen und einem immensen Energiebedarf – diese Industrie ist heute schon klimaneutral.

Rund 40 Maßnahmen aus dem 1,5-Grad-Gesetzespaket haben mit einem Mix aus Anreizen, Förderungen und Regulierungen einen klaren Weg für die Unternehmen geschaffen, der sie nicht nur zur Klimaneutralität geführt hat, sondern auch dabei half, die Sackgasse der Linearwirtschaft zu verlassen und in einer Kreislaufwirtschaft einträgliche Geschäftsmodelle zu etablieren.

Im Jahr 2021 war es ein ehrgeiziges Ziel: Die Produktionsweisen in der Industrie sollten in nicht einmal 15 Jahren klimaneutral umgestaltet werden. Geholfen hat dabei die Bereitschaft von 90 Prozent der Unternehmen in Deutschland, mehr für den Klimaschutz zu tun. Europaweit forderten die Chefs von Ikea, Coca-Cola, Volvo, Microsoft und anderen Großkonzernen den Aufbau eines nachhaltigen Wohlstandsmodells. Sie warteten auf Entscheidungen der Politik.

Zukunftsfähige Technologien boomen

So kam das 1,5-Grad-Gesetzespaket nach der Bundestagswahl von 2021 zum richtigen Zeitpunkt. Schon kurz nach der Wahl wurde festgelegt, dass nur noch Industrieanlagen zugelassen werden dürfen, die sich auch klimaneutral betreiben lassen. So bestand Klarheit für Zukunftsinvestitionen. Nach 2021 machte die Entwicklung und Anwendung CO2-armer Technologien noch einmal einen großen Sprung nach vorn. Heute sind digitalisierte Produktion, Kraft-Wärme-Kopplung und smartes EnergieManagement in der Industrie Standard.

Förderinstrumente wie die Carbon Contracts for Difference (CCfD) in der Grundstoffindustrie beschleunigten den Durchbruch CO2-armer Schlüsseltechnologien. In der Stahlherstellung etwa war die Eisenreduktion mit Wasserstoff schon 2021 einsatzbereit, doch sie hatte im internationalen Wettbewerb keine Chance, weil sie zu teuer war. Das änderte sich: Die CCfDs brachten Unternehmen, die auf klimaneutrale Produktion umsattelten, die lange ersehnte Investitionssicherheit. Der Staat zahlte ihren für die Kosten der zukunftsfähigen Technologien so lange einen Ausgleich, bis der stetig steigende CO2-Preis die Mehrausgaben nivellierte.

Florierende Absatzmärkte für nachhaltige Grundstoffe

Für CO2-arme Materialien wurden Quoten festlegt. Zum Beispiel muss der Stahl in einem Neuwagen zu einem bestimmten Anteil aus CO2-armer Produktion stammen. Für die Endverbraucher ist das kaum teurer: Ein vollkommen aus grünem Stahl gefertigter Pkw kostet nur 160 Euro mehr.

Die öffentliche Hand hat einen großen Anteil daran, dass im Jahr 2035 so viele Produkte klimafreundlich sind. Bund, Länder und Kommunen geben jedes Jahr mehr als 350 Milliarden Euro – 13 % des Bruttoinlandsprodukts – für Waren und Dienstleistungen aus. 2021 spielte Nachhaltigkeit bei der Beschaffung kaum eine Rolle. Heute ist es völlig normal, dass energieeffiziente Gebäude, Büromöbel aus nachhaltigem Holz, klimaneutraler Transport oder Strom aus erneuerbaren Quellen den Vorzug erhalten, denn mit dem 1,5-Grad-Gesetzespaket wurde festgelegt, dass die öffentliche Beschaffung Nachhaltigkeitskriterien folgen muss. Auch unter Bürger:innen und in der Wirtschaft ist es selbstverständlich, bei allen Anschaffungen darauf zu achten, wie nachhaltig und klimafreundlich sie sind.

Eine runde Sache: Kreislaufwirtschaft

Der Kreislaufwirtschaft dagegen gelingt eine Wertschöpfung durch Gestaltung, Erhalt und Wiederverwendung. Heute nutzen wir dank hoher Recycling-Quoten praktisch jedes zu Abfall gewordene Material, von Plastik bis Beton, als wertvollen Sekundärrohstoff für hochwertige Produkte. Das ist ein riesiger Gewinn für das Klima, da etwa Kunststoffe aus Recyclingmaterial nur halb so viel Treibhausgase mit sich bringen wie solche, die aus Erdöl hergestellt werden.

Seit Hersteller:innen eine Aussage darüber treffen müssen, ob sie eine Haltbarkeitsgarantie für ihre Produkte gewähren – eine Nullauskunft ist auch möglich – sind langlebige Produkte zum Standard geworden, sodass wir unsere Produkte länger nutzen können. Für die Dinge, die doch einmal kaputt gehen, lebt dank des 1,5-Grad-Gesetzes die alte Kunst des Reparierens wieder auf: Durch eine gesenkte Mehrwertsteuer auf Reparaturen und Zugang zu günstigen Ersatzteilen sind viele unabhängige Reparaturbetriebe entstanden. Ein Reparatur-Index-Label auf allen elektrischen Geräten hilft dabei, vor allem leicht reparierbare Geräte zu kaufen. Staunend blicken wir auf die Wegwerfgesellschaft der Jahrtausendwende zurück und können kaum glauben, wie viel Geld die Menschen in immer neue Fernseher und Kühlschränke steckten, anstatt diejenigen zu reparieren, die sie bereits besaßen.