Katherina Reiche stemmt sich gegen den Strom. Das ist ein etwas schräges Bild – doch es beschreibt die schräge Politik unserer Wirtschaftsministerin sehr treffend. Gegen den Widerstand aus allen Richtungen in Wirtschaft und Gesellschaft, entgegen der Verpflichtungen durch das Klimaschutzgesetz, entgegen dem, was die Bürger:innen für ein bezahlbares Leben brauchen, will sie mit ihrem Gebäudemodernisierungsgesetz das Heizen mit Erdgas selbst über 2045 hinaus erzwingen. Und damit auch genug von diesem Klimagift da ist, schließt sie mit Kanada einen Gasvertrag, der Lieferungen für die nächsten 20 Jahre vorsieht.
Mit ihrer Energiepolitik sperrt Ministerin Reiche sich gegen eine Entwicklung, die durch den Iran-Krieg noch viel mehr an Kraft gewonnen hat. In Europa, in den Bundesländern, in den Städten und bei den Menschen zu Hause heißt das Ziel zunehmend: Weg vom Gas, hin zum erneuerbaren Strom. Dass rückschrittliche Kräfte in der Regierung die Elektrifizierung im Verkehr, beim Wohnen und in der Industrie behindern, schadet unserem Land. Wirtschaftlich, klimapolitisch und ganz praktisch.
Dabei sind die Fortschritte bei der Wärme- und Stromwende groß. Deshalb bieten wir dir hier einen kurzen Überblick, vom Sitz der EU bis in die viel beschworenen Heizungskeller.
Die EU dreht den Strom auf
Die Botschaft aus Brüssel ist unmissverständlich: Die Zukunft ist elektrisch. Nicht als grüner Traum, sondern als pragmatische Strategie für Unabhängigkeit und bezahlbare Energie. Teresa Ribera, Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, hat es vor Kurzem auf den Punkt gebracht: Die Elektrifizierung von Mobilität und Heizen wirke „wie ein sozialer Schutzschild; die Elektrifizierung der Industrie macht uns unabhängiger und senkt die Kosten.“ Wichtig seien jedoch einheitliche Signale, so Ribera weiter: Niedrige Stromsteuern, gut verbundene nationale Stromnetze, Abbau von Subventionen für fossile Brennstoffe, konkrete Maßnahmen für die schnelle Elektrifizierung von Industrie, Verkehr Gebäuden. 100 Milliarden Euro investiert die EU dafür pro Jahr. Wer in diesem Umfeld auf eine Gasnutzung auch nach 2045 hinarbeitet, hat, vorsichtig formuliert, den Knall nicht recht vernommen.
Deutschland braucht die Stromwende
Auch auf der nationalen Ebene ist die Sache klar: Deutschland muss bis 2045 klimaneutral sein, die Bundesregierung ist per Klimaschutzgesetz dazu verpflichtet. Doch erst kürzlich bescheinigte ihr der Expertenrat für Klimafragen ein „geringes Ambitions- und Innovationsniveau“ und mahnte eine „kohärente politische Gesamtstrategie“ für den Klimaschutz an. Vereinfacht gesagt: Deutschland braucht einen Plan für „Fossile raus, Strom rein“ – im Verkehr, in den Gebäuden und für die Industrie. Dass Ministerin Reiche diesen Plan nicht vorlegt und stattdessen „Grüngas“ in Privatheizungen verfeuern will, beunruhigt im Übrigen selbst die Chemieindustrie, die den raren grünen Wasserstoff für all jene Prozesse braucht, die sich nicht elektrifizieren lassen.
Die Bundesländer wollen Tempo
Dass die Hürden für sauberen Strom fallen müssen, ist auch in den Bundesländern angekommen. In seltener Einigkeit lehnten alle 16 Energieminister:innen auf ihrer Konferenz Reiches „Netzpaket“ ab, das den Stromnetzausbau massiv bremsen würde. Auch beim Zielbild sind viele Länder ambitionierter als der Bund. Mit Baden-Württemberg, Bayern, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hamburg und Rheinland-Pfalz wollen sechs Bundesländer bereits bis 2040 klimaneutral sein, Bremen sogar schon 2038.
Kein Wunder also, dass jetzt der Widerstand gegen das Gebäudemodernisierungsgesetz wächst. Der Wirtschaftsausschuss des Bundesrats sagt klipp und klar, dass der Entwurf, der am 11. Juni im Bundestag in die erste Lesung gehen wird, „in die falsche Richtung weist“ und „handwerklich mangelhaft“ ist. Hamburg hat sogar angekündigt, im Alleingang neue Öl- und Gasheizungen zu verbieten, falls das Gesetz so kommt wie vom Kabinett beschlossen.
Viele Städte sind noch weiter
Womit wir bei den Städten wären, wo die Energie- und Wärmewende nicht parteipolitisch zerredet, sondern pragmatisch in die Tat umgesetzt wird. Dass der Wandel viel schneller machbar ist als Reiche und Co das wahrhaben wollen, zeigen uns jetzt schon viele Kommunen, große wie kleine, im Süden und Norden, im Westen wie im Osten: Mannheim will als Vorreiter sein Gasnetz bereits bis 2035 stilllegen und macht dabei vor, wie man mit den Herausforderungen klarkommen kann. Städte wie Augsburg, Hannover und Würzburg nehmen 2040 ins Visier. Görlitz und das polnische Zgorzelec ziehen mit dem Projekt United Heat sogar grenzüberschreitend an einem Strang und stellen ihre Fernwärme bis 2030 von Erdgas und Braunkohle auf Biomasse, See-Thermie und Solarenergie um.
Und diese Städte sind keine Einzelfälle: Laut einer VKU-Umfrage unter 609 Stadtwerken im Hebst 2025 planten damals bereits mehr als 40%, ihr Erdgasnetz ganz oder in Teilen stillzulegen. „Das Gasnetz stirbt schneller als viele ahnen,“ schreibt das Fachmagazin Kommunal schon vor einem halben Jahr.
Die Bürger:innen sind schon weiter als die Ministerin
Aus all diesen Entwicklungen ziehen immer mehr Verbraucher:innen die richtigen Schlüsse. Die Menschen haben verstanden: Wer heute noch auf Gas setzt, kauft sich vor allem eines ein – finanzielle Unsicherheit. Die Gaskostenfalle lässt die Gasrechnung immer weiter steigen, während Wärmepumpen sich langfristig rechnen. Bis zu 20.000 Euro spart ein Haushalt in einem durchschnittlichen Einfamilienhaus durch den Einbau einer Wärmepumpe statt einer neuen Gasheizung in den nächsten 20 Jahren. Entsprechend wurden 2025 in Deutschland erstmals mehr Wärmepumpen als Gasheizungen verkauft. In Neubauten ist der Fall ohnehin klar, dort heizen längst über 70 % mit Wärmepumpe. Heizen mit Gas wird zum Auslaufmodell.
Also: Europa, die Länder, die Städte, die Menschen - alle streben in dieselbe Richtung. Nur die Bundesregierung stellt sich quer. Diese absurde Bremserpolitik dürfen wir nicht einfach hinnehmen. Deshalb setzen wir uns mit allen unseren Möglichkeiten dafür ein, dass die Bundesregierung unsere Energie- und Wärmeversorgung konsequent auf eine klimaneutrale Zukunft ausrichtet.
Foto: Hubert Burda Media CC BY-NC-SA 2.0, Montage GermanZero
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