"Eine lange Liste an ausgebremsten Klimamaßnahmen"

Zum Finanzbedarf der Kommunen beim Klimaschutz

Wo fehlt den Kommunen beim Klimaschutz das Geld – und was sollte die Bundespolitik dagegen tun? Wir haben beim Deutschen Landkreistag nachgefragt. Antwort gab uns Dr. Klaus Ritgen, Beigeordneter für Verfassung, Verwaltung, Bauen und Umwelt, verantwortlich unter anderem für die Themen Klimaschutz und Energiewende.

Klimapolitik Energie Gebäude Lokalgruppen Verkehr
Kalender 22.07.2026
Dr. Klaus Ritgen, Deutscher Landkreistag
Dr. Klaus Ritgen, Beigeordneter für Verfassung, Verwaltung, Bauen und Umwelt beim Deutschen Landkreistag

GermanZero: Herr Dr. Ritgen, in unserer Studie zeigt das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft e.V. (FÖS), dass die kommunalen Finanzierungsbedarfe für Fernwärme, Mobilität und Gebäudesanierung mit Bedarfen von 21-24 Milliarden Euro jährlich bisher deutlich unterschätzt wurden. Wie schätzen Sie diese Ergebnisse ein?

Dr. Klaus Ritgen: Die Studie unterstreicht, wie viel Geld die Kommunen in diesen drei Bereichen brauchen. In Bezug auf die Wärmewende ist der Finanzbedarf aus unserer Sicht regional sehr unterschiedlich. Ostdeutsche und ländliche Kommunen haben andere Bedarfe als (westdeutsche) urbane Zentren. Beispielsweise ist der Ausbau der Fernwärme in Ostdeutschland weiter vorangeschritten als im Westen. Außerdem beginnen viele kleine Kommunen gerade erst mit der Wärmeplanung, weshalb sich die zu erwartenden Kosten noch nicht beziffern lassen. 

Bei der Gebäudesanierung sehen wir einen höheren Finanzierungsbedarf als ihn die Studie beziffert – vor allem aufgrund von EU-Vorgaben zu Sanierungspflichten und kostenintensiven Vorgaben für Renovierungen und Neubauten im Gebäudemodernisierungsgesetz. Die Regierung rechnet hier mit 50 Millionen Euro pro Jahr, aber das scheint uns deutlich zu niedrig.

Beim ÖPNV tragen die Kommunen schon jetzt fast die Hälfte der öffentlichen Zuschüsse für den Nahverkehr – das waren 2024 rund 12,5 Milliarden Euro. Bis 2040 wird der Bedarf für Modernisierung noch stark steigen: Je nach Ambition braucht es jährlich bis zu 3,4 Milliarden Euro mehr. Wenn die Kommunen ihren bereits jetzt zu hohen Anteil behalten müssten, wäre das kaum stemmbar.

Welche wichtigen Klimaschutzmaßnahmen bleiben infolge der Finanzkrise der Kommunen aktuell auf der Strecke?

Die Landkreise sind zwar trotz zahlreicher Probleme äußerst aktiv, Klimaschutz, Naturschutz und Klimafolgenanpassung vor Ort zu gestalten, zum Beispiel durch eine effiziente Abfall- und Ressourcenwirtschaft, Hochwasserschutz oder Starkregenvorsorge. Dennoch ließe sich eine lange Liste an ausgebremsten Klimamaßnahmen erstellen. Offensichtlich ist, dass der Renovierungsbedarf bei öffentlichen Gebäuden enorm ist. Neben der Finanzkrise bremsen zusätzlich noch mangelnde Planungssicherheit und der Fachkräftemangel den Klimaschutz aus. 

Fernwärme-Baustelle
11,5 Milliarden Euro jährlich brauchen die Kommunen laut FÖS-Studie allein für den Ausbau der Fernwärme

Was sind die wichtigsten Forderungen der Kommunen an Bund und Länder, um die Erhöhung finanzieller Spielräume zu erreichen?

Angesichts des Finanzierungsdefizits von mehr als 30 Milliarden Euro pro Jahr bleiben den Städten, Landkreisen und Gemeinden kaum Spielräume für freiwillige Leistungen, zu denen auch Klimaschutzmaßnahmen zählen. Der Deutsche Landkreistag fordert von Bund und Ländern deshalb strukturelle Reformen, um die Kommunen finanziell zu entlasten. Drei Beispiele: Ein höherer Anteil an der Umsatzsteuer und an den Einnahmen aus der CO2-Bepreisung würde uns überhaupt erst Spielräume für Klimaschutz schaffen.

Zweitens sollten ländliche Kommunen direkt von den Gewinnen durch Erneuerbare-Energien-Anlagen profitieren. Das brächte Geld für die Sanierung von Kitas oder Schulen und würde die Akzeptanz von Windrädern und anderen Anlagen erhöhen.

Drittens hätte Klimaschutz als Pflichtaufgabe den Vorteil, dass Bund und Länder dann tatsächlich auch das Geld für die Aufgaben bereitstellen, die sie den Kommunen auferlegen. Allerdings schränken Pflichtaufgaben den kommunalen Spielraum ein; eine aufgabenangemessene allgemeine Finanzausstattung der kommunalen Ebene ist daher stets vorzugswürdig.

Welche Rolle können Bürger:innen und lokale Initiativen spielen, um Klimaschutz in finanzschwachen Kommunen voranzubringen?

Wer über finanzielle Spielräume verfügt, kann einen Heizungstausch oder die Installation einer Solaranlage erwägen und sich möglicherweise sogar an einer Bürgerenergiegesellschaft beteiligen. Zum anderen können sich auch Vereine auf bestimmte Förderprogramme bewerben. Die sind zum Teil auf finanzschwache Kommunen oder Regionen zugeschnitten, die vom Strukturwandel besonders betroffen sind. Die Förderquoten sind dabei sogar manchmal besser als bei Standardförderungen. Engagierte Bürger:innen können also mit lokalen Initiativen Gelder aus solchen Programmen erhalten und ihren Orten zugutekommen lassen.

Studie: Finanzbedarfe der Kommunen

Eine Studie des Forum Ökologische Marktwirtschaft (FÖS) im Auftrag von GermanZero und Klima-Allianz Deutschland. Trotz der zentralen Rolle der Kommunen bei der Umsetzung von öffentlichen Investitionen in den Klimaschutz gibt es bislang kaum systematische Schätzungen zu deren öffentlichen Finanzbedarfen. Die Studie des FÖS trägt bisherige Studien und kommunale Schätzungen zu diesen Bedarfen zusammen. Um Vergleichbarkeit zu gewährleisten, fokussiert sie auf die Handlungsfelder Fernwärme, Sanierung kommunaler Gebäude und Mobilität. 

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Download FOES-Studie

"Finanzbedarfe der Kommunen für Wärme, Gebäude und Mobilität" vom Forum Ökologische Marktwirtschaft